Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 kamen auch die ersten jüdischen polnischen Kriegsgefangenen in das Deutsche Reich. So berichtet der Kommandant des Stalag VII/A in Moosburg Oberst Hans Nepf: „Sie kamen am 19. Oktober gegen 18:00 Uhr, etwa 200 Polen, 900 Ukrainer und 300 Juden, alle sehr verdreckt, erschöpft und hungrig.“ 1) In einem weiteren Bericht über einen Kriegsgefangenentransport im Sommer 1941 schildert Nepf die Ankunft weiterer jüdischer Kriegsgefangener. 2) Danach wurden die jüdischen Gefangenen in gemischten Kommandos zusammengefasst und mussten die Baracken des Lagers aufbauen. Eine Trennung von den übrigen Kriegsgefangenen in einem abgetrennten Lagerteil innerhalb des Stalag VII/A fand nicht statt. 3) Die Existenz eigener jüdischer Lager und Kommandos wird erst seit 1941 von seinem Nachfolger Oberst Otto Burger bestätigt. 4) Burger berichtet undatiert von einem Besuch in einem jüdischen Kommando. Ein Judenstern musste nicht getragen werden.
Mit dem Überfall auf die Sowjetunion am 20.6.1941 war die Frage, wie mit jüdischen sowjetischen Kriegsgefangenen verfahren werden sollte bereits mit dem „Kommissarbefehl“ beantwortet worden. Die Wehrmacht unterstützte die mit ihr teilweise vorrückenden bzw. hinter der Front operierenden SS-Einsatzgruppen im Feld und bei der Durchkämmung der Kriegsgefangenenlager nach jüdischen Sowjetsoldaten.
Ein Sonderkommando berichtete darüber: „Die Zahl der durch das Sonderkommando 4a durchgeführten Exekutionen hat sich inzwischen auf 55.432 erhöht. In der Summe der in der zweiten Hälfte des Monats Oktober bis zum Berichtstage durch das Sonderkommando 4a Exekutierten sind wiederum neben einer relativ geringen Anzahl von politischen Funktionären, aktiven Kommunisten, Saboteuren usw. in erster Linie Juden, und hier wieder ein großer Teil von durch die Wehrmacht überstellten jüdischen Kriegsgefangenen enthalten. In Borispol wurden auf Anforderung des Kommandanten der dortigen Kriegsgefangenenlager durch einen Zug des Sonderkommandos 4a am 14.10.41 752 und am 18.10.41 357 jüdische Kriegsgefangene, darunter einige Kommissare und 78 vom Lagerarzt übergebene jüdische Verwundete erschossen. (...) Hierzu ist zu bemerken, daß die reibungslose Durchführung der Aktionen in Borispol nicht zuletzt auf die tatkräftige Unterstützung durch die dortigen Wehrmachtsdienststellen zurückzuführen war. Ein anderer Zug des Sonderkommandos 4a wurde in Lubny tätig und exekutierte störungslos 186 Juden, Kommunisten und Partisanen, darunter 53 Kriegsgefangene und einige jüdische Flintenweiber.“ 5)
Soweit es jüdischen sowjetischen Kriegsgefangenen gelang unentdeckt zu bleiben und nach ihrer Gefangennahme lebend in ein Lager „in das Reich“ überstellt zu werden, war trotzdem die Gefahr ihrer Ermordung nicht gebannt. Zwar konnte eine jüdische Herkunft der Sowjetsoldaten in der deutschen Kriegsgefangenschaft nicht so einfach festgestellt werden, allerdings gab es in den Lagern Spitzel und Denunzianten, die schon für kleine Vergünstigungen ihre Kameraden verrieten. Die Gestapo München hatte im Stalag VII/A Moosburg sowohl zum Lager als auch zu den Arbeitskommandos Zugang.
Von den im Herbst 1941 insgesamt 410 ausgesonderten sowjetischen Kriegsgefangenen waren 25 jüdische Kriegsgefangene durch die Gestapo München bei der Überprüfung nach dem „Kommissarbefehl“ erkannt und als untragbar „ausgesondert“ worden. Der Tätigkeitsbericht des Einsatzkommandos der Gestapo München vom 26.11.1943 weist für das Stalag VII/A in Moosburg 3.788 überprüfte sowjetische Kriegsgefangene, davon 31 Juden aus. Danach waren im Wehrkreis VII zu diesem Zeitpunkt weniger als 1% der sowjetischen Kriegsgefangenen „jüdischer Herkunft“.6)
Konkret wissen wir bisher von keinen unentdeckt gebliebenen jüdischen sowjetischen Kriegsgefangenen, die ab 1943 im KZ-Außenlager Dachau-Allach inhaftiert waren. 7)
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1) StadtA Moosburg, Vortrag von Oberst Hans Nepf im Januar 1941 in der Stalag-Kantine, S. 3.
2) Ebd. S. 6.
3) Vgl. ebd. S. 11.
4) Vgl. Otto Burger, Menschlichkeit hinter Wachtürmen, S. 138. Burger schreibt in diesem Zusammenhang von einem Besuch in einem Sonderlager in Hohenfels das zum Stalag 383 gehörte.
5) BA R 58/218, Ereignismeldung M 132 vom 12.11.1941.
6) Vgl. IMT Band XXXVIII, S. 448 ff. Die Gedenkstätte Yad Vashem schätzt, dass ca. 80.000 jüdische Soldaten von den Deutschen ermordet wurden, ohne dazu genauere Hinweise zu nennen. Diese Zahl ist bereits erreicht, addiert man die in den Ereignismeldungen der SS-Einsatzgruppen genannten Mordzahlen zusammen, die selbständigen Mordaktionen der Wehrmacht sind dabei nicht mitgezählt.
7) Vgl. Klaus Mai, Die vergessenen Opfer, Sowjetische Kriegsgefangene von 1943 bis 1945 als KZ-Häftlinge im KZ-Außenlager Dachau-Allach, Teil 1, S. 75 f.